Heuer wurde ich gebeten, während der Fastenzeit als Testperson für das Aktion Trocken App mitzumachen. Gutmütig wie ich bin, stimmte ich dem zu. Es war für mich sehr aufschlussreich zu erleben, wie es manchen unseren Klienten und Klientinnen geht, wenn sie Alkohol höflich ablehnen. Wenn ich „grundlos“ „nein, danke“ sagte, und um Wasser oder ein sonst alkoholfreies Getränk bat, wurde nach meinem Gesundheitszustand gefragt. Und wenn klargestellt wurde, dass mir gesundheitlich nichts fehlte, dann kam oft „zumindest ein Schluck zum Anstoßen“. Es ist gar nicht so einfach, „nein“ zu sagen!
Da während der Fastenzeit mit Aktion Trocken sechs „Jokertage“ zu Verfügung stehen (sonntags ist das Fasten aufgehoben, aber beim AT kann man sich die fastenfreie Tage selbst aussuchen), gönnte ich mir bei manchen feierlichen Anlässen tatsächlich ein Glas „zum Anstoßen“.
Da tauchte dann die nächste Frage bei mir auf: „Wie viel Wert hat ein Jokertag?“ Es macht doch einen Unterschied, ob ich ein Glas oder drei trinke. Oder? Kann man das irgendwie berücksichtigen? Andersrum: Soll ich an dem Abend mehr Alkohol trinken, damit es sich „lohnt“? Das stimmte mich nachdenklich. Lohnt es sich überhaupt, Alkohol zu trinken?
Er ist in unserer Gesellschaft stark verankert. Ob Geburtstagsfeier, Hochzeit, Beerdigung, Firmung, Beförderung, Maturafeier, Sponsionsfeier, oder bei Sportveranstaltungen, beim gemütlichen Zusammentreffen mit Freunden, bei einem Ausflug mit einer Gruppe, beim Vereinstreffen, bei Geschäftsessen – und natürlich bei der Weihnachtsfeier und überhaupt an Feiertagen – wird Alkohol getrunken.
Als Beraterin an der Suchtfachstelle war mir stets klar, dass ich im privaten Rahmen niemals jemanden dazu drängen würde, ein alkoholisches Getränk zu sich zu nehmen. Wenn jemand „nein“ sagt, respektiere ich das einfach. Nach der Beteiligung an der Aktion Trocken wurde mir klar, dass so eine Erfahrung sehr hilfreich sein kann, um sich für das Thema zu sensibilisieren. Vielleicht entwickelt jemand doch mehr Akzeptanz für ein „nein, danke“ – ohne eine Begründung zu verlangen. Und selbstverständlich ist es auch eine Gelegenheit, sich bewusst mit dem eigenen Trinkverhalten auseinander zu setzen.

Alice Mansfield-Zech